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Heute ... : Autorentreffen in Nürnberg

von malbrecht am 28.05.2006 11:34 (1926 Aufrufe)
Weil der Kinderbuchautor Michael Borlik seinen Vortrag über Kinder- und Jugendliteratur nicht halten konnte, bat Ursula Schmid-Spreer mich einzuspringen. Ich? Ich habe gerade mal ein Buch in einem richtigen Verlag platziert und weiß über Kinder- und Jugendbücher ungefähr soviel wie meine Tochter über Automotoren. Immerhin: Sie weiß, wo die sind, dass sie Öl und Wasser brauchen und Treibstoff verbrennen, um das Auto anzutreiben … mit anderen Worten: Irgendwas würde ich schon erzählen können.
Ich habe also einen umfangreichen Entwurf zum Thema „Was ist ein gutes Kinder- und Jugendbuch“ entwickelt, mich mit meiner Jugendbuchagentin Frau Grill unterhalten und Frau Theiß von „KJL-Online“ mit den Ergebnissen genervt. Aus Gesprächen mit Autoren, die im Genre bereits Fuß gefasst haben, kamen noch „Macher-Ansichten“ dazu, bis ich schließlich ein rund 30 Seiten langes Pamphlet an Ursula Schmid-Spreer sandte.
Was ich erzählen würde, wusste ich aber immer noch nicht. Überlegungen und „Erkenntnisse“ aufzuschreiben ist etwas ganz anderes, als ein Publikum von über 80 Leuten zwei, drei Stunden lang im Frontal-Vortrag zu überzeugen.

Tatsächlich schaffte ich es, kurz nach Acht anzukommen. Titus Müller und Gisa Klönne hatten das Programm schon umgestellt, um mir etwas Atemluft zu verschaffen, weil ich mich unterwegs noch mit meiner Frau treffen musste, die aber vier Stunden in einem Stau verbracht hatte – Danke, ich würde euch so gerne schon Kollegen nennen, aber ich habe doch erst ein Buch … ich muss mir mehr Selbstbewusstsein kaufen.

Gisa las aus ihrem Debut-Roman „Der Wald ist Schweigen“. Ein Krimi mit Thriller-Elementen und ein paar kräftigen Schockeffekten am Anfang – und im Präsenz geschrieben. Trotzdem hat die Szenerie mich fasziniert, was auch an Gisas spannendem Vortrag lag!
Titus trug aus „Die Todgeweihte“ ein paar Szenen vor – im Stehen, was wirklich besser „kommt“ als im Sitzen zu lesen. Die Stimme ist freier, der Kontakt zum Publikum besser. Und Titus versprüht Leben und Humor, es machte einfach Spaß, ihm zuzuhören. Er strafte eine der vielen „Regeln für’s Schreiben“ Lügen: Infodropping tötet eine Geschichte? Offenbar nicht. Kaum ein Absatz seiner Geschichte scheint ohne Hintergrundinformationen auszukommen, die in Nebensätzen und Nachschüben den Leser bilden, und der Verkaufserfolg gibt ihm Recht: Es geht. Ignoriert die Regeln!
Der spannendste Zuhörer der Lesungen war übrigens der Buchhandlungs-Papagei, dessen Lieblingsäußerung das Türsummen aus seiner ehemaligen Heimatwohnung ist. „määääääp“. Klingt wie ein Buzzer oder ein Zensur-Ton.
Als Titus eine Szene vortrug, in der ein verliebter Junge seinen Freund bittet, Fürsprache bei seiner Angebeteten für ihn einzulegen und der Freund beteuert, selbst kein Interesse an dem Mädchen zu haben, meinte der Papagei bezeichnend durchdringend: „Möööööööp!“

Ich hatte mich dann immerhin soweit eingestimmt, dass ich die Gerichts-Szene auf dem Mittelaltermarkt aus „Pferde, Jungs und Zungenküsse“ lesen konnte. Ein paar vorsichtige Lacher und kein einziger Schnarcher lassen mich hoffen, dass die Zuhörer nicht all zu enttäuscht waren, Michael Borlik verpasst zu haben.
Ein Buch durfte ich anschließend auch signieren (dass Gisa und Titus ein paar Duzend mehr veredeln mussten habe ich nicht weiter beachtet).
Nach einem Zug durch einen Teil der Nürnberger Fußgängerzone schloss der Abend mit wein-, bier- und selters-seligen Gesprächen zwischen Autoren, Autoren und Autoren. Da ich immer wieder die gleichen Fragen beantwortet habe (die, die ich auch am nächsten Tag immer wieder zu beantworten versuchte) habe ich vergessen, um was es ging.

Das Bett im Hotel war etwa 1,80m lang. Ich bin etwa 1,90m lang. Das Bett stand eingeklemmt zwischen zwei passgenau um dasselbe herumgebauten Steinwänden – und ich lag entsprechend gekrümmt auf dem Bett zwischen den Wänden. Trotzdem habe ich von Mittwoch auf Donnerstag geschlafen. Um 09:30 sollte die „Großveranstaltung“ beginnen, die zögerlich eintreffenden Zuschauer bestätigten aber die Richtigkeit der Planung: Um 10:00 konnte es tatsächlich losgehen, die Veranstaltungshalle war gut gefüllt (rund 80 Zuhörer waren gekommen, den weitesten Weg dürften ein paar Autoren aus Schottland gehabt haben!).
Gisa Klönnes Referat zu „Wie kommt die Spannung in den Krimi“ war abwechslungsreich und pädagogisch gut gemacht: Sie sprach immer wieder die Zuhörer an, reagierte auf Zurufe und brachte die Gäste zum Mitdenken und –diskutieren. Inhaltlich brachte sie vor allem die wesentlichen Hinweise, die Spannung kontinuierlich zu steigern, Absätze und Szenen, von denen man nicht 100%ig überzeugt ist, lieber zu streichen und sich nicht in „weltbeste Sätze“ zu verlieben. Perspektive und Plotten beschrieb sie anschaulich mit Zeichnungen und witzigen Beispielen – ich bin kein Krimifan, werde es wohl auch nie werden, aber die Leichtigkeit und der Spaß, den sie mit ihrem Vortrag zum „Handwerk“ vermittelte, lässt mich immerhin überlegen, ob ich nicht doch mal einen Krimi „plotten“ sollte. Einfach um zu sehen, was dabei herauskommt. Schön war, dass die Zuhörer – anders als ich es auch schon erlebt hatte – zu widersprechen wagten, eigene Ansichten vertraten und Gisa routiniert und sicher auf Fragen und Anmerkungen einging. Man hatte das Gefühl, sie wusste sehr genau, wovon sie sprach. Für mich war es ein motivierender, interessanter Vormittag, wenn ich auch inhaltlich-technisch nicht viel Neues erfahren habe.
Nach dem (sehr leckeren) Mittagessen (das im Workshop-Preis inbegriffen war) erzählte Titus Müller vom „Leben als Autor“. Locker und ganz nah am Publikum konnte er in wenigen Minuten die Zuhörer begeistern, hatte die Lacher auf seiner Seite und zeigte, wie sehr auch Profis unter Erfolgsdruck und Schreibroutine leiden und dass das Autorendasein als Beruf ein „Job“ wie viele andere auch ist. Er hatte zahlreiche Tipps zum Umgang mit „Schreibblockaden“, zum „Routine-Finden“ und zum „Sich-Einschätzen“ zu bieten und ich bin sicher, die Gäste waren ihm ebenso dankbar für die anekdotenreichen eineinhalb Stunden wie ich.

Ich hatte mir beim Warten tags zuvor und am frühen Morgen noch einige Zettel mit Stichworten gemacht, anhand derer ich während der nächsten guten zwei Stunden dann einiges „zum Business“, zum „Schreiben auf Bestellung“ und zum Thema „Lektoren sind Menschen, erwartet nichts Übermenschliches von ihnen – also z.B. detaillierte Kommentare zu nicht überarbeiteten ersten Rohentwürfen“ (und noch zu vielem mehr) zum Besten gab. Ich habe mich bemüht, dabei immer die Kinder- und Jugendliteratur im Blick zu behalten und fand bezeichnend, dass besonders meine Mahnungen „das eigene Leben eines Autors kann dabei immer nur Hintergrund, Erfahrungsschatz und Handwerksbasis sein, sollte möglichst aber nicht der tragende Inhalt werden“ wieder einmal zu Kopfschütteln und Argwohn führte. Dabei war es genau das, was mir drei Verlagslektorinnen, zwei Agentinnen und eine Kritikerin als „einen der wichtigsten Punkte für hoffnungsvolle Neu-Autoren überhaupt“ ans Herz gelegt haben. Bitte nicht noch eine Lebensbeichte in Form eines Jugendromans!
Für Aufmerksamkeit sorgte meine Behauptung, dass, wer für heutige Jugendliche schreiben will (und auch das war ein wichtiger Punkt: Bitte schreibt nicht für Jugendliche vor 30 Jahren – also zu „eurer Zeit“ – denn das interessiert heute einfach niemanden mehr!), der sollte wenigstens kapiert haben, warum Lordi den „Grandprix“ gewonnen hat. Das gab Lacher – und Nachfragen „warum denn? Warum darf ‚so etwas’ da überhaupt auftreten?“

Von Ursula Schmid-Spreer hörte ich später, dass sich mindestens ein Zuhörer wohl „beschwert“ hatte, ich hätte mit meiner Aussage „es kommen manchmal Autoren zu Workshops, die ein Patentrezept für das erfolgreiche Veröffentlichen haben wollen – und wenn das fehlschlägt, kommen sie zum nächsten Workshop und wollen ein neues Patentrezept“ einige Anwesende persönlich angegrifen. Das lag mir fern, aber ich komme wohl nicht darum herum, immer wieder jemandem auf den Schlips zu treten, auch wenn ich mich noch so sehr bemühe, zartfühlend und liebenswert zu erscheinen. Seufz.

Die Nacht von Donnerstag auf Freitag war schwierig. Ein besoffener Bayer war der Ansicht, das ganze Stockwerk gehöre ihm. Er versuchte mit Gewalt, in jedes Zimmer einzudringen (durch Dagegenwerfen seines gesamten urwüchsigen Schwergewichts), „sang“ (was die Leute in Norditalien halt so unter „Singen“ verstehen –Lordi dürfte aus Bayern viele Stimmen beim GrandPrix-der-jetzt-SongContest-heißt erhalten haben, Gerüchten zufolge handelt es sich bei den Finnen lediglich um wegen akustischer Umweltverschmutzung des Landes verwiesene Bayern) und pfiff mir unbekannte Melodien. Manchmal gab er für einige Minuten Ruhe, dann klatschte er, schrie und versuchte, die nächste Tür einzutreten. Irgendwann muss er in einem Zimmer angekommen sein, die Geräusche änderten sich nämlich geringfügig.
Ich habe nicht geschlafen. Die Fahrt nach Hause schien mir noch am nächsten Tag unwirklich und ich ertappte mich dabei, dass ich nachsah, ob der Tacho meines Autos die Kilometer tatsächlich anzeigte.

Nächstes Jahr bin ich, wenn ich eingeladen werde, wieder dabei.


 
 
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