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Heute ... : Telefon-Terror

von malbrecht am 14.02.2009 14:08 (748 Aufrufe)
Telefon-„Spam“ ist ein Ärgernis …

… besonders dann, wenn 10-15mal am Tag das Telefon auf der Privatnummer läutet und nach dem Abnehmen des Hörers am anderen Ende zwar ein Großraumbüro zu hören ist, nach der Meldung mit „Albrecht“ (in halbwegs männlicher Stimmlage) sofort aufgelegt wird. Nimmt meine Frau hingegen ab, erkenne ich schon an ihren entgleisenden Gesichtszügen, dass das Gespräch mit „Frau Ulrike Albrecht? Schön, dass ich Sie persönlich erreiche …“ begonnen hat.
Bei einem solchen Gespräch durfte ich vor einigen Wochen übernehmen und habe der „Dame“ am anderen Ende (ja, man sagt, man dürfe diese Menschen nicht verurteilen, sie seien doch froh, einen Job zu haben und müssten doch auch für ihren Unterhalt arbeiten – ok, aber warum soll man Prostituierte dann als „minderwertig“ betrachten? Die machen wenigstens einen Job, den ihre Kunden gerne in Anspruch nehmen!) erklärt, dass wir weder mit ihren Anrufen einverstanden sind, noch solche dulden – und dass ich zukünftig ihrer Firma jeden weiteren Anruf bei uns in Rechnung stellen würde. Sie stammelte irgendetwas, das ich als begeisterte Zustimmung zu diesem genialen Vertrag interpretierte – und legte auf. Die Adresse ihrer Firma (-zensiert- in Frankfurt) war, dank der angezeigten Rufnummer, leicht auf dem Vertragsdokument einzutragen, das ich während unseres Gesprächs angelegt hatte.

Bereits rund zwei Wochen später meldete -ZENSIERT- sich erneut (gut, man behauptete, für irgendein Medienunternehmen anzurufen – oder war es die Telekom? Oder war es die NASA? Na, jedenfalls war man froh, mit uns persönlich zu sprechen und so weiter). Ich verwies auf den bestehenden Vertrag, beendete das Gespräch und stellte selbiges -ZENSIERT- sofort in Rechnung. Dabei verlangte ich erneut Auskunft über Quelle und Inhalt der über uns gespeicherten Daten.

Unglaublicherweise bekam ich Auskunft über die Daten – ich habe vor Jahren einmal testweise auf einer Webseite, die angeblich ihre Daten nicht weitergibt, eine spezielle Emailadresse eingetragen, die eindeutig auf diese Webseite rückverfolgbar ist (die Mailadresse wurde nur dort verwendet). -ZENSIERT- hat offenbar von dem Betreiber der Webseite die „Falle“-Mailadresse gekauft (selbst schuld). Man würde die Rechnung aber nicht bezahlen, weil nach Ansicht von -ZENSIERT- kein Vertrag zwischen uns bestünde.

Das halte ich nun wieder für ein Gerücht – arbeiten diese Telefondrücker ja gerade nach dem Motto „überrumpeln, Vertrag schließen, nicht drüber nachdenken“. Wir haben ganz eindeutig einen Vertrag im üblichen Telefondrücker-Stil abgeschlossen (ich habe der Mitarbeiterin die Fakten dargestellt, -ZENSIERT- hat durch einen erneuten Anruf bei uns die gestellten und vereinbarten Bedingungen akzeptiert. Ich finde es erstaunlich (und bezeichnend), dass eine Firma, die von Überrumpelungs-Verträgen lebt, selbst nicht bereit ist, einen solchen zu erfüllen.
Nun, ich habe -ZENSIERT- ausnahmsweise angeboten, wegen ihrer schnellen Informationsstellung wahlweise an den weißen Ring oder SOS Kinderdorf eine Spende mit dem Betreff-Text „es tut uns Leid“ oder „wir geloben Besserung“ zu überweisen. Alternativ bestehe ich natürlich auf der Erfüllung des telefonisch eingegangenen Vertrages.

Warten wir ab, ob die Firma -ZENSIERT- seriös arbeitet. Bislang kann man ihr Verhalten bestenfalls als halbseiden bezeichnen.
Darf ich den Namen der Firma eigentlich nennen? Ich meine: Ich habe mit ihr immerhin einen Vertrag am Laufen und sie ruft uns mehrfach ohne unser Einverständnis an. Eigentlich müsste man sie doch öffentlich machen können, oder?


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Heute ... : Wie oft gibt es Dich?

von malbrecht am 11.03.2007 19:29 (1486 Aufrufe)
Karin ist 19 Jahre alt, schreibt sie, und lebt in Berlin. Sie hat nicht viel Erfahrung im Umgang mit Internetforen, sie weiß gar nicht, was sie wo anklicken soll und bittet um Hilfe. „Liebe Grüse“ schreibt sie darunter. Mit einem „s“. Schnell stehen ihr Fiona, 21 Jahre, Feenfurz, 42 Jahre und OttoNormalverseucher, 16 Jahre, bei. Alle vier schreiben „vielleicht“ als „vllt“, aber das macht ja heute jeder junge Schreiberling, der „Deutsch“ für eine Saucen-Variante beim Chinesen hält.
Ob man 42 Jahre als „jung“ bezeichnen darf hängt auch vom eigenen Standpunkt ab (also davon, ob man diesseits oder jenseits der 70 steht).
Doch bald fällt dem unbedarften User malbrecht auf, dass Feenfurz und OttoNormalversucher fast identische Formulierungen verwenden und ein Witz, den Fiona Karin in einem Forum erzählt, in einem ganz anderen Forum von einer Stephi schon vor zwei Wochen eingestellt worden war. Und Stephi benutzt dieselbe Email-Adresse wir Karin.
Stutzig geworden schreibt malbrecht in einer „privaten Nachricht“ an Karin, dass er vermutet, sie sei nicht, wer sie vorzugeben zu glauben behauptet. Dass er sich nicht sicher sei, mit wem er es denn zu tun hat und ob es Zufall sei, dass sie gestern einen ihrer Kommentare mit „OttoN.“ unterschrieben hat.
Malbrecht erhält keine Antwort, aber vielleicht hat er sich auch verklickt und versehentlich die „PM“ an sich selbst verschickt? Immerhin haben sich neue Mitglieder im Forum angemeldet: Molchdünkel, 11 Jahre, SchöneBraut, 24 Jahre und Ichgebsdirwenndunichtgleichaufhörst, keine Altersangabe. Sie alle haben Email-Adressen bei einem der vielen „alles kostenlos, alles frei, alles supertoll“-Anbieter. Und die Mailadressen unterscheiden sich nur in der Zahl hinter dem „neueraccount“ und direkt vor dem „@toller-mailserver.de“.
Aber sie baggern Karin an, die jetzt zugibt, gerade ein Buch geschrieben zu haben – natürlich unter ihrem echten Namen „Mathilde Mechthild W.“ Warum sie nicht unter ihrem „echten“ Namen im Forum auftrete fragt malbrecht und bekommt von „SchöneBraut“ die Erklärung: „das ist doch viel zu gefährlich, im Internet sind doch nur Idioten unterwegs!“. SchöneBraut unterschreibt mit „Liebe Grüse“. Aber sie hat das Buch von Karin/Mathilde schon gelesen (es erscheint nächste Woche) und findet es unglaublich gelungen.
Feenfurz und OttoN. haben es vorbestellt und freuen sich schon. Sie werden auf jeden Fall sofort eine Rezi einstellen, wenn sie’s gelesen haben – und Karin ist ja so dankbar, dass sie zum ersten Mal mit „Liebe Grüße“ unterschreibt, was Fiona sofort übernimmt.

Ich lerne Karin einige Wochen später auf einem Workshop kennen. Sie heißt Stefan, ist 39 Jahre alt und Softwareentwickler. Eigentlich macht er das alles für seine Freundin, die nicht so viel Erfahrung im Umgang mit Internetforen hat. Sie heißt Cordelia, ist 36 Jahre alt und hat eine Rechtschreibschwäche.

Malbrecht meldet sich nach und nach aus allen Foren ab, in denen es sich jemals angemeldet hat. Es hat Angst bekommen, seine verschiedenen Existenzen eines Tages nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Was, wenn die alle zu Besuch kommen und Pizza verlangen? Könnte ja passieren – „vllt“. Liebe Grüse.


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Heute ... : Radio-Feinstaub

von malbrecht am 06.03.2007 11:43 (956 Aufrufe)
Als ich Anfang 2006 die großen Automobilhersteller in Deutschland anschrieb (hier schrieb ich darüber) und um ein Angebot für ein spritsparendes, familientaugliches Auto, das alternative Kraftstoffe nutzen kann, bat, erhielt ich erstaunliche Antworten. Ein großer bayerischer Konzern mit drei Buchstaben im Firmennamen meinte sinngemäß „unsere Kunden verlangen nach starken Motoren und hoher Leistung, wir sind daher an irgendwelchen Experimenten zum Umweltschutz nicht interessiert“. Ein anderer, auch in der Rüstungsindustrie tätiger Konzern mit drei Zacken in der Krone verwies mich an seine Händler, weil der Konzern selbst nicht genau wusste, was für Autos er baut. Der Händler, der mich daraufhin anrief, verwies mich an den Konzern – mit der Bemerkung, er werde seit Jahren gefragt, ob „sein“ Hersteller denn nun endlich alternative Kraftstoffe unterstütze, dass sein Herrchen aber daran nicht interessiert sei und „spritsparend“ nicht für marketingträchtig halte.
Der Konzern mit dem volksnahen Namen versprach, mit einem weltweiten Spritproduzenten zusammen „ganz neue Wege“ zu beschreiten, man habe aber derzeit nichts für mich im Programm. Das ist der gleiche Hersteller, der vor wenigen Jahren an Kunden Diesel-Autos mit dem Versprechen verkaufte, sie könnten einen Partikelfilter problemlos nachrüsten und heute gesteht, dass das nicht wahr ist, sie sollten doch einfach ein neues Auto kaufen.
Andere Hersteller reagierten gar nicht – oder wie ein japanischer mit der Bitte, sich die bereits auf dem Markt befindlichen Möglichkeiten genauer anzusehen (was nicht wirklich ein konkretes Angebot ist).

Gestern brachte der Norddeutsche Rundfunk ein Interview mit einem Marketingspezialisten, der begründete, warum deutsche Autohersteller nach wie vor auf PS statt auf „Nachhaltigkeit“ setzen. Ich habe daraufhin eine Email an die Redaktion geschickt und erhielt heute morgen einen interessierten Anruf eines Redakteurs, man wollte meine Erlebnisse zusammen mit denen anderer Hörer gerne zu einem kritischen Beitrag verarbeiten – ob ich mit einem Interview einverstanden wäre.
Kurz darauf musste der Redakteur die Aktion jedoch abblasen, weil er in der Konferenz „Gegenwind“ erhalten hatte. Wenn man heute (also ein Jahr nach meinen Erlebnissen) einen deutschen Autohersteller fragte, würde dieser doch ganz anders reagieren. Ich erwähnte, dass es nicht nur um die Mode-Diskussion „Feinstaub“ ginge, nicht nur um „Spritsparen“, weil das in der Boulevardpresse gerade „hip“ ist sondern dass z.B. seit den Erdgasbohrungen (Erdgas ist ein fossiler Brennstoff) in Niedersachsen tektonische Störungen verzeichnet werden (dieses Bundesland galt bislang als tektonisch stabil, daher sollen hier die Atommüll-Endlager hin – es ist jedoch nachweislich seit den Erdgasförderungen eben nicht mehr stabil), dass „Spritsparen“ seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts aktuell sei und immerhin der oben erwähnte Nobelkarossen-Händler „seit Jahren“ solche Anfragen erhalte.
„Ja“, sagte der NDR-Mann. „Aber wir dürfen leider nicht allzu kritisch sein.“

Ein Kommentar fällt mir dazu nicht mehr ein.


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Heute ... : Die Webseite ist umgezogen ...

von malbrecht am 23.11.2006 19:39 (1964 Aufrufe)
Nach einigem Hin und Her gehört mir nun auch die Domain Marc-Albrecht.de, daher laufen Anfragen auf ".info" automatisch jetzt auf die ".de" Domain. Abgesehen davon, dass die "info" Domain teurer ist, scheinen deutlich mehr Besucher auf den Gedanken zu kommen, ein deutschsprachiger "Noname" habe eine "de" Domain als auf den, er säße im "info"-Space.

Was schreibe ich da eigentlich für ein Gegurke ...



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Heute ... : Autorentreffen in Nürnberg

von malbrecht am 28.05.2006 11:34 (1198 Aufrufe)
Weil der Kinderbuchautor Michael Borlik seinen Vortrag über Kinder- und Jugendliteratur nicht halten konnte, bat Ursula Schmid-Spreer mich einzuspringen. Ich? Ich habe gerade mal ein Buch in einem richtigen Verlag platziert und weiß über Kinder- und Jugendbücher ungefähr soviel wie meine Tochter über Automotoren. Immerhin: Sie weiß, wo die sind, dass sie Öl und Wasser brauchen und Treibstoff verbrennen, um das Auto anzutreiben … mit anderen Worten: Irgendwas würde ich schon erzählen können.
Ich habe also einen umfangreichen Entwurf zum Thema „Was ist ein gutes Kinder- und Jugendbuch“ entwickelt, mich mit meiner Jugendbuchagentin Frau Grill unterhalten und Frau Theiß von „KJL-Online“ mit den Ergebnissen genervt. Aus Gesprächen mit Autoren, die im Genre bereits Fuß gefasst haben, kamen noch „Macher-Ansichten“ dazu, bis ich schließlich ein rund 30 Seiten langes Pamphlet an Ursula Schmid-Spreer sandte.
Was ich erzählen würde, wusste ich aber immer noch nicht. Überlegungen und „Erkenntnisse“ aufzuschreiben ist etwas ganz anderes, als ein Publikum von über 80 Leuten zwei, drei Stunden lang im Frontal-Vortrag zu überzeugen.

Tatsächlich schaffte ich es, kurz nach Acht anzukommen. Titus Müller und Gisa Klönne hatten das Programm schon umgestellt, um mir etwas Atemluft zu verschaffen, weil ich mich unterwegs noch mit meiner Frau treffen musste, die aber vier Stunden in einem Stau verbracht hatte – Danke, ich würde euch so gerne schon Kollegen nennen, aber ich habe doch erst ein Buch … ich muss mir mehr Selbstbewusstsein kaufen.

Gisa las aus ihrem Debut-Roman „Der Wald ist Schweigen“. Ein Krimi mit Thriller-Elementen und ein paar kräftigen Schockeffekten am Anfang – und im Präsenz geschrieben. Trotzdem hat die Szenerie mich fasziniert, was auch an Gisas spannendem Vortrag lag!
Titus trug aus „Die Todgeweihte“ ein paar Szenen vor – im Stehen, was wirklich besser „kommt“ als im Sitzen zu lesen. Die Stimme ist freier, der Kontakt zum Publikum besser. Und Titus versprüht Leben und Humor, es machte einfach Spaß, ihm zuzuhören. Er strafte eine der vielen „Regeln für’s Schreiben“ Lügen: Infodropping tötet eine Geschichte? Offenbar nicht. Kaum ein Absatz seiner Geschichte scheint ohne Hintergrundinformationen auszukommen, die in Nebensätzen und Nachschüben den Leser bilden, und der Verkaufserfolg gibt ihm Recht: Es geht. Ignoriert die Regeln!
Der spannendste Zuhörer der Lesungen war übrigens der Buchhandlungs-Papagei, dessen Lieblingsäußerung das Türsummen aus seiner ehemaligen Heimatwohnung ist. „määääääp“. Klingt wie ein Buzzer oder ein Zensur-Ton.
Als Titus eine Szene vortrug, in der ein verliebter Junge seinen Freund bittet, Fürsprache bei seiner Angebeteten für ihn einzulegen und der Freund beteuert, selbst kein Interesse an dem Mädchen zu haben, meinte der Papagei bezeichnend durchdringend: „Möööööööp!“

Ich hatte mich dann immerhin soweit eingestimmt, dass ich die Gerichts-Szene auf dem Mittelaltermarkt aus „Pferde, Jungs und Zungenküsse“ lesen konnte. Ein paar vorsichtige Lacher und kein einziger Schnarcher lassen mich hoffen, dass die Zuhörer nicht all zu enttäuscht waren, Michael Borlik verpasst zu haben.
Ein Buch durfte ich anschließend auch signieren (dass Gisa und Titus ein paar Duzend mehr veredeln mussten habe ich nicht weiter beachtet).
Nach einem Zug durch einen Teil der Nürnberger Fußgängerzone schloss der Abend mit wein-, bier- und selters-seligen Gesprächen zwischen Autoren, Autoren und Autoren. Da ich immer wieder die gleichen Fragen beantwortet habe (die, die ich auch am nächsten Tag immer wieder zu beantworten versuchte) habe ich vergessen, um was es ging.

Das Bett im Hotel war etwa 1,80m lang. Ich bin etwa 1,90m lang. Das Bett stand eingeklemmt zwischen zwei passgenau um dasselbe herumgebauten Steinwänden – und ich lag entsprechend gekrümmt auf dem Bett zwischen den Wänden. Trotzdem habe ich von Mittwoch auf Donnerstag geschlafen. Um 09:30 sollte die „Großveranstaltung“ beginnen, die zögerlich eintreffenden Zuschauer bestätigten aber die Richtigkeit der Planung: Um 10:00 konnte es tatsächlich losgehen, die Veranstaltungshalle war gut gefüllt (rund 80 Zuhörer waren gekommen, den weitesten Weg dürften ein paar Autoren aus Schottland gehabt haben!).
Gisa Klönnes Referat zu „Wie kommt die Spannung in den Krimi“ war abwechslungsreich und pädagogisch gut gemacht: Sie sprach immer wieder die Zuhörer an, reagierte auf Zurufe und brachte die Gäste zum Mitdenken und –diskutieren. Inhaltlich brachte sie vor allem die wesentlichen Hinweise, die Spannung kontinuierlich zu steigern, Absätze und Szenen, von denen man nicht 100%ig überzeugt ist, lieber zu streichen und sich nicht in „weltbeste Sätze“ zu verlieben. Perspektive und Plotten beschrieb sie anschaulich mit Zeichnungen und witzigen Beispielen – ich bin kein Krimifan, werde es wohl auch nie werden, aber die Leichtigkeit und der Spaß, den sie mit ihrem Vortrag zum „Handwerk“ vermittelte, lässt mich immerhin überlegen, ob ich nicht doch mal einen Krimi „plotten“ sollte. Einfach um zu sehen, was dabei herauskommt. Schön war, dass die Zuhörer – anders als ich es auch schon erlebt hatte – zu widersprechen wagten, eigene Ansichten vertraten und Gisa routiniert und sicher auf Fragen und Anmerkungen einging. Man hatte das Gefühl, sie wusste sehr genau, wovon sie sprach. Für mich war es ein motivierender, interessanter Vormittag, wenn ich auch inhaltlich-technisch nicht viel Neues erfahren habe.
Nach dem (sehr leckeren) Mittagessen (das im Workshop-Preis inbegriffen war) erzählte Titus Müller vom „Leben als Autor“. Locker und ganz nah am Publikum konnte er in wenigen Minuten die Zuhörer begeistern, hatte die Lacher auf seiner Seite und zeigte, wie sehr auch Profis unter Erfolgsdruck und Schreibroutine leiden und dass das Autorendasein als Beruf ein „Job“ wie viele andere auch ist. Er hatte zahlreiche Tipps zum Umgang mit „Schreibblockaden“, zum „Routine-Finden“ und zum „Sich-Einschätzen“ zu bieten und ich bin sicher, die Gäste waren ihm ebenso dankbar für die anekdotenreichen eineinhalb Stunden wie ich.

Ich hatte mir beim Warten tags zuvor und am frühen Morgen noch einige Zettel mit Stichworten gemacht, anhand derer ich während der nächsten guten zwei Stunden dann einiges „zum Business“, zum „Schreiben auf Bestellung“ und zum Thema „Lektoren sind Menschen, erwartet nichts Übermenschliches von ihnen – also z.B. detaillierte Kommentare zu nicht überarbeiteten ersten Rohentwürfen“ (und noch zu vielem mehr) zum Besten gab. Ich habe mich bemüht, dabei immer die Kinder- und Jugendliteratur im Blick zu behalten und fand bezeichnend, dass besonders meine Mahnungen „das eigene Leben eines Autors kann dabei immer nur Hintergrund, Erfahrungsschatz und Handwerksbasis sein, sollte möglichst aber nicht der tragende Inhalt werden“ wieder einmal zu Kopfschütteln und Argwohn führte. Dabei war es genau das, was mir drei Verlagslektorinnen, zwei Agentinnen und eine Kritikerin als „einen der wichtigsten Punkte für hoffnungsvolle Neu-Autoren überhaupt“ ans Herz gelegt haben. Bitte nicht noch eine Lebensbeichte in Form eines Jugendromans!
Für Aufmerksamkeit sorgte meine Behauptung, dass, wer für heutige Jugendliche schreiben will (und auch das war ein wichtiger Punkt: Bitte schreibt nicht für Jugendliche vor 30 Jahren – also zu „eurer Zeit“ – denn das interessiert heute einfach niemanden mehr!), der sollte wenigstens kapiert haben, warum Lordi den „Grandprix“ gewonnen hat. Das gab Lacher – und Nachfragen „warum denn? Warum darf ‚so etwas’ da überhaupt auftreten?“

Von Ursula Schmid-Spreer hörte ich später, dass sich mindestens ein Zuhörer wohl „beschwert“ hatte, ich hätte mit meiner Aussage „es kommen manchmal Autoren zu Workshops, die ein Patentrezept für das erfolgreiche Veröffentlichen haben wollen – und wenn das fehlschlägt, kommen sie zum nächsten Workshop und wollen ein neues Patentrezept“ einige Anwesende persönlich angegrifen. Das lag mir fern, aber ich komme wohl nicht darum herum, immer wieder jemandem auf den Schlips zu treten, auch wenn ich mich noch so sehr bemühe, zartfühlend und liebenswert zu erscheinen. Seufz.

Die Nacht von Donnerstag auf Freitag war schwierig. Ein besoffener Bayer war der Ansicht, das ganze Stockwerk gehöre ihm. Er versuchte mit Gewalt, in jedes Zimmer einzudringen (durch Dagegenwerfen seines gesamten urwüchsigen Schwergewichts), „sang“ (was die Leute in Norditalien halt so unter „Singen“ verstehen –Lordi dürfte aus Bayern viele Stimmen beim GrandPrix-der-jetzt-SongContest-heißt erhalten haben, Gerüchten zufolge handelt es sich bei den Finnen lediglich um wegen akustischer Umweltverschmutzung des Landes verwiesene Bayern) und pfiff mir unbekannte Melodien. Manchmal gab er für einige Minuten Ruhe, dann klatschte er, schrie und versuchte, die nächste Tür einzutreten. Irgendwann muss er in einem Zimmer angekommen sein, die Geräusche änderten sich nämlich geringfügig.
Ich habe nicht geschlafen. Die Fahrt nach Hause schien mir noch am nächsten Tag unwirklich und ich ertappte mich dabei, dass ich nachsah, ob der Tacho meines Autos die Kilometer tatsächlich anzeigte.

Nächstes Jahr bin ich, wenn ich eingeladen werde, wieder dabei.


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