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Pferde : Leitwallache und Hafer

von malbrecht am 13.11.2004 12:00 (1760 Aufrufe)
Unser Max ist ein ziemlich altes, etwas störrisches und sicher ein eigensinniges Pony. Er ist nicht der Boss unserer kleinen Herde – das ist „Sir Nash“, der ihn gerne mal um die Ecke scheucht, ihm das Fressen verbietet oder ihn in den Hintern zwickt. Aber Max akzeptiert das ohne Murren, scheint sich sogar dabei wohl zu fühlen. So hat er seine Ruhe, überlässt es Nash, die Stromstärke im Zaun auszuprobieren und muss sich um nichts kümmern.
Ich sehe da Parallelen zu meiner „menschlichen Umgebung“: Es muss nur jemand laut und deutlich sagen: „Folgt mir, da wo ich bin, ist das Gras grüner“ – und schon folgen ihm „die Massen“. Wehe, einer protestiert vorsichtig mit „Ahem, wo ich gerade stehe, ist es aber auch schön grün!“: Dann gibt es einen kräftigen Stubs oder einen knappen Biss und die Fronten sind geklärt. Da „tanzt einer mit Pferden“, glaubt, das Rad neu erfunden zu haben und kann sich jahrelang vor Fans nicht retten. Dass manche Pferde nicht tanzen wollen, nimmt man hin, es ist ja bequem, das Denken anderen zu überlassen. Wahrscheinlich sind die Biester einfach unmusikalisch – oder, so der Obertänzer vielleicht, sie sind zu verstört, um sich normal zu verhalten ... Wer Zweifel äußert, fliegt raus.
Anderswo ruft man laut „Ich bin der einzige, der Bescheid weiß! Nur wer mein Wissen käuflich erwirbt, kann das Beste für sein Pferd tun – alle anderen sind ungebildet und böse!“ – und emsiges Nicken schlägt den Takt. So tönt es: „Ja, ja, nur Du weißt, was grünes Gras ist!“. Und wenn man daran erinnert, dass man grünes Gras recht gut selber erkennen kann, wenn man das Farbkonzept erst einmal verstanden hat, dann setzt es Prügel und die Herde droht sich zu spalten. Wehe gar, es schert einer aus und erklärt Fremden, was hinter der Idee mit dem Grün steckt – Blasphemie!
Wenn der Nash zwickt, dann kuscht der Max – auch wenn genug Gras für alle Pferde da ist. Und wenn es nur laut genug heißt „Du darfst nicht selber denken“, dann schweigt der Verband … entschuldigung: Verstand. Wenn am Zaun – am Tellerrand des vierbeinigen Menschen – einer mit Apfelstücken winkt, dann versenkt man als anständiges Pony so lange die Nase im Gras, bis der Chef sagt: „Ausnahmsweise … mampf … definieren wir diese … schlabber … Apfeldinger mal als …. Grün.“ Falls dann noch etwas zu holen ist, darf Max Reste aufsammeln.
Unser Max, der ziemlich alt, etwas störrisch und sicher eigensinnig ist, erlaubt sich aber manchmal dreist das Fremdgehen, das Knabbern an Apfelstücken ohne Genehmigung von Nash – und stört sich nicht an den vorwurfsvollen Blicken der anderen „ordentlichen Pferde“. Ein unsoziales Verhalten, einfach die Kompetenz des Leitwolfs (noch einmal Entschuldigung: Leithammel … Wallach!) in Apfel-Dingen in Frage zu stellen! Wer über „Grün“ Bescheid weiß, weiß selbstverständlich auch alles andere (wer mit Pferden tanzen kann, kann natürlich auch mit Fischen fliegen!) Wo kommen wir da hin, wenn jeder sein teuer erworbenes Wissen („Grün ist das einzig Wahre“) einfach weiter erzählt? Es darf natürlich nur der das „beste für sein Pferd tun“, der vorher „sein Bestes“ gegeben hat (denn so eine Ausbildung kostet selbstverständlich einiges). Selber Experimentieren? Mal ein Apfelstück probieren, das gelb statt grün ist? Schon wieder Blasphemie!
Als ich unseren Max (siehe oben: alt, störrisch … und so) einmal fragte, ob wir die Rangfolge in der Herde mal vergessen und „Sir Nash“ etwas jagen sollten, hat Max nur mit dem Kopf geschüttelt und gemeint „Warum? Solange er die Wölfe abhält, nach neuen Weiden sucht und in der Herde die Ordnung hält, habe ich keine Probleme.“ Mein Einwand, dass wir keine Wölfe haben, die Weiden ziemlich übersichtlich sind (weil direkt nebeneinander liegend) und die Herde aus vier Ponies bestünde, beeindruckte Max überhaupt nicht. „Was habe ich davon? Ich will mich nicht selber ums Fressen-Suchen kümmern. Ich hole mir lieber mal nebenbei Apfelstückchen ab – mir doch egal, ob die anderen was abbekommen. Wenn ich hier den Chef gebe, trage ich Verantwortung. Das ist doch doof.“
Das klingt nach „Warum soll ich mich engagieren? Ich habe davon doch nichts, aber solange ich mich ruhig verhalte, kümmern sich die anderen um alles.“
Solange man nicht persönlich in die Schusslinie gerät? Solange man nicht aus dem Verband fliegt? Wie lange hält so ein störrischer Max still, bevor er merkt, dass er es besser kann als Nash? Und dass Veränderung manchmal besser als Stillstand ist?
Unser Max ist übrigens der erste, wenn es abends Hafer gibt, er beobachtet nämlich nebenbei immer die Haustür, ob jemand kommt. Und wenn Max sich in Zuckeltrab setzt, dann folgt sogar „Sir“ Nash ganz selbstverständlich: Max irrt sich nicht, wenn es um Hafer geht.
Hafer ist ja nicht grün.

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